Die drei Säulen meines Konzepts

„Wenn du gute Geschichten schreiben willst, lies nicht die ganze Zeit. In Büchern findest du nur Ideen, die andere vor dir gedacht haben. Geh lieber raus und erforsche das Leben!“

Diesen Rat gab mir meine Mutter, als ich dreizehn war. Was soll ich sagen? Sie hatte recht.

 

Am schönsten ist es natürlich, draußen in der Natur Abenteuer zu erleben und trotzdem zu lesen …

 

Im Lauf der Jahre habe ich darüber hinaus drei Säulen für gutes Storytelling herausgearbeitet:

Handwerk
Magie
Zweifel

Handwerk

Von allen Künsten scheint das Schreiben diejenige zu sein, die sich am leichtesten für den Selbstausdruck nutzen lässt. Jede*r verfasst in der Schule Aufsätze und liest Bücher. Der Zugang scheint weit einfacher als bei Künsten wie Tanz, Musik, Malerei oder Architektur, bei denen jedem Außenstehenden klar ist, dass sich hinter der scheinbaren Leichtigkeit harte Arbeit und das Studium von Gesetzmäßigkeiten verbirgt. Wer sich beim Schreiben jedoch ausschließlich auf Inspiration und kreative Momente verlässt, wird nie sein volles Potential entfalten.

In meinen Augen sollte ein guter Autor oder eine gute Autorin folgende Aspekte des Handwerks nutzen, variieren und perfektionieren:

  1. Gestaltung mehrdimensionaler Charaktere
  2. Konstruktion glaubhafter Konflikte und Dialoge
  3. Kunstvolles und solides Verweben von Story- und Plotfäden
  4. Beschreibungen mit Sogwirkung
  5. Kenntnis und Einsatz der geeigneten Erzählperspektive
  6. Kraftvolle Sprache und Erzählstimme

Es dauert Jahre, sich mit diesen Bereichen gründlich auseinanderzusetzen und sie sicher zu beherrschen. Trotzdem lässt sich diese erste der drei Säulen am einfachsten lehren, weil sich diese Teilbereiche erklären, analysieren und vermitteln lassen.

Es ist mir sehr wichtig, bei aller Fokussierung auf das Handwerk stets auch die anderen beiden Säulen im Blick zu behalten, die meiner Ansicht nach nötig sind, um – vielleicht – eines Tages in der Meisterklasse mitzuspielen.

 

Magie

Die zweite Säule lässt sich schwieriger beschreiben. Sie besteht aus der Faszination für Menschen, dem Klang von Worten und dem Rhythmus der Sätze, aus denen wir unsere Geschichten weben. Ihre Kraft speist sich aus einer Quelle tief im Innern eines jeden Menschen. Es ist ein archaischer Schaffensdrang und eine Liebe für Schönheit und Abgründe, die nichts mit den kultivierten und abstrakten Überlegungen zu tun haben, die uns in der Schule beigebracht werden.

Wenn kleine Kinder Musik hören, passiert oft etwas Wunderschönes. Sie vergessen die Welt und die Menschen um sich herum. Überall sind Töne, Harmonien und Rhythmen, die ineinanderfließen. Die Grenzen zwischen dem eigenen Ich und der Musik lösen sich auf. Manchmal starrt ein Kind dann mit offenem Mund ins Nichts. Manchmal springt es auf und tanzt einen wilden Kinderzappeltanz, weil es die Töne in jeder Faser seines Körpers spürt und ein Ventil für dieses Glück braucht. Vielleicht singt es auch mit, ohne sich Gedanken um Text oder Melodie zu machen, oder schlägt mit aller Kraft auf die Tasten eines Klaviers, um die Verzückung des kreativen Flows in eine eigene Form zu bringen.

Dieser Zustand ist heilig. Aus ihm speist sich die Kraft, die unsere Geschichten zwischen den Zeilen durchziehen soll.

Erwachsene sind oft schnell damit, diese kindliche Verspieltheit in vorgegebene Bahnen zu lenken. Natürlich kann und wird eine richtig eingesetzte Schulung wie Ballett- oder Musikunterricht helfen, das Feuer in eine Richtung zu lenken, die die innere Faszination auch für andere erfahrbar macht. Wenn das ursprüngliche Empfinden nicht kultiviert und handwerklich in eine verstehbare Form gehämmert wird, verfliegt es leise und unmerklich wie ein Windhauch im Sommer.

Doch wem es nicht gelingt, sich an dieses kindliche Gefühl gestaltloser Freude und Inspiration zu erinnern und mit dieser Faszination und Neugierde das Leben und Menschsein zu erforschen, der/die wird nie sein/ihr volles Potenzial als Geschichtenerzähler*in entfalten.

Zweifel

Wir alle kennen und ersehnen die seltenen Sternstunden der Inspiration, in denen alles fließt und ineinandergreift. In diesen Zeiten wachsen wir über uns und alles, was wir bis dahin gelernt haben, hinaus.

Zu anderen Zeiten suchen uns Zweifel an unseren Fähigkeiten heim und lassen uns alles infrage stellen, was wir bis dahin erreicht haben. Wir schreiben einen Absatz wieder und wieder um, bis wir begreifen, dass wir ihn löschen müssen. Genau wie das Kapitel und am besten gleich das ganze elende Manuskript …

Diese Zeiten der Unsicherheit bedeuten nicht, dass jemand schlecht schreibt. Stattdessen ist häufig das Gegenteil der Fall, auch wenn man das in diesen Momenten kaum glauben kann. Zweifel motivieren uns dazu, bereits erreichte Ergebnisse neu zu beleuchten und eingefahrene Gleise zu verlassen. Je ausgeprägter sich die Zweifel manifestieren, desto drängender ist die dahinterliegende Botschaft: Hier gibt es etwas zu lernen.

Wer nicht bereit ist, mit zitternden Händen etwas Neues zu versuchen und auf diesem Weg zu scheitern und zu lernen und es erneut zu versuchen, riskiert, den nächsten Schritt der persönlichen Entwicklung versäumen. Wachstum tut manchmal weh. Doch es gäbe keine Schmetterlinge, wenn niemand bereit wäre, die schützende Hülle des Puppenkokons zu durchbeißen und sich dem Licht und der Wärme der Außenwelt zu stellen.

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