Die Erzählperspektive im Schreibhandwerk

Bevor Du mit dem Schreiben Deiner Story beginnst, überlege Dir, aus wessen Sicht Du sie schreibst:

  • Wird die Geschichte von jemandem erzählt, der weit über den Dingen schwebt und alles weiß? Dann brauchst Du die auktoriale Erzählform.
  • Wird Deine Geschichte von einer einzigen Figur erzählt, deren Innenleben für die Handlung mindestens so wichtig ist wie die äußeren Erlebnisse? Dann ist vielleicht die Ich-Perspektive die richtige Wahl.
  • Ist es in Deiner Geschichte wichtig, dass verschiedene Figuren ihre Handlungsstränge parallel erleben und der Leser immer klar weiß, um wen es gerade geht? In diesem Fall solltest Du die personale Erzählperspektive wählen.

In diesem Tutorial erhältst Du einen Überblick über die verschiedenen Erzählperspektiven. Anhand eines kurzen Beispiels über Anna und Ben kannst Du die Perspektive jedes Mal in der praktischen Anwendung sehen. Anna ist dabei die Hauptfigur der Geschichte.

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Auktoriale Perspektive

Die auktoriale Erzählperspektive wird auch allwissend genannt. Bei dieser Erzählperspektive kannst du beliebig von Figur zu Figur springen und sie von innen und außen betrachten. Außerdem kannst Du Gedanken über die Welt einfließen lassen und sie spoilern und kommentieren.

Beispiel:

Anna saß neben Ben auf der Bank. Er fragte sich, ob er ihre Hand nehmen sollte oder ob das übergriffig wäre. Anna dagegen war mit ihren Gedanken schon einen Schritt weiter. Sie fragte sich, ob sie ihm eine Ohrfeige verpassen sollte, weil er sie immer noch nicht geküsst hatte, oder ob sie die Verantwortung für diesen Kuss an sich reißen und die Initiative übernehmen sollte.

Die auktoriale Erzählstimme kann dabei folgende Haltungen zur Welt einnehmen:

  • Nachsichtig-weise (z. B. Victor Hugo in „Die Elenden“)
  • Neutral-distanziert (z. B. Theodor Fontane in „Effi Briest“)
  • Ironisch-liebevoll (z. B. Isabel Allende in „Zorro“)
  • Spöttisch-distanziert (z. B. Terry Pratchett)

Ich-Perspektive

In der Ich-Perspektive schlüpfst Du tief in die Haut Deiner Romanfigur. Du fühlst ihren Körper, siehst durch ihre Augen und denkst ihre Gedanken. Dieser Blick auf die Welt ist das genaue Gegenteil des allwissenden Erzählers. Dadurch, dass Du Dich vollständig auf eine Romanfigur konzentrierst, kannst Du ihr individuelles Erleben besonders intensiv darstellen.

Die Ich-Perspektive wird häufig von Anfänger:innen gewählt, weil sie am einfachsten zu schreiben ist. Noch vor ein paar Jahren bevorzugten Verlage ganz klar die personale Erzählperspektive. Inzwischen wird die Ich-Perspektive insbesondere im Jugendbuch und auch in Romanen für junge Erwachsene immer beliebter.

Beispiel:

Wir sitzen nebeneinander auf der Bank. In einer halben Stunde müssen wir zurückgehen. Warum küsst er mich nicht? Ich habe ihn so gern. Trotzdem würde ich ihm am liebsten eine runterhauen, weil er mich noch nicht geküsst hat. Soll ich etwa die Initiative übernehmen? Er ist doch der Mann! Aber wenn er nicht gleich etwas unternimmt, dann …

Sonderform der Ich-Perspektive: Stream of Consciousness

Der Stream of Consciousness ist die intensivste Form, in das Erleben einer Figur einzutauchen. Du beschränkst Dich als Autor:in darauf, zu schildern, was die Figur in diesem Augenblick wahrnimmt und denkt. Auf diese Weise steht ein sprachliches Mosaik. In solchen Passagen geht es nur um das individuelle Figurerleben und die Sprache, der Plot und die Handlung werden zur Nebensache.

Normalerweise wird der Stream of Consciousness nur genutzt, um einzelnen Passagen eine besondere Intensität zu verleihen. Er kann aber auch als besonderes literarisches Stilmittel für einen kompletten Roman genutzt werden. Das bekannteste Beispiel dafür ist „Ulysses“ von James Joice. Der Roman beschreibt detailliert 24 Stunden im Leben der Hauptfigur und hat darauf kalkuliert, dass der Leser die gleiche Zeit zum Lesen benötigt.

Beispiel:

Die Bankkante ist hart. Tut weh. Wie lange soll ich noch warten? Ben. Du füllst alles aus, was ich bin. Deine Gedanken sind Fäden, hüllen mich ein, zerbrechen meine, es bleibt nichts übrig außer dir. Ich will dich küssen. Du mich. Dein Mund, dieser zarte Bogen, und wie sich dein Kiefer neben deinem Ohr abzeichnet … Vollkommenheit existiert. Der Wind auf meiner Haut. Das goldene Licht. Der Mückenstich an meinem Knie. Und du. Alles, alles ist vollkommen, wenn du da bist.

Küss mich endlich, verdammt, sonst tu ich es!

Personale Perspektive

In der personalen Erzählperspektive beschränkt sich der Autor oder die Autorin auf eine einzige Figur, der der Erzählstrang folgt. Er beschreibt Gedanken und Handlungen dieser Person und der Menschen um sie herum. Klassischerweise kann man hierbei die Figur von innen und außen beschreiben. Heutzutage bevorzugt man jedoch meist den Deep Point of View. Über den Unterschied zwischen beidem werde ich beizeiten ein eigenes Tutorial veröffentlichen.

Achtung: Auch bei Wahl der personalen Perspektive kannst du verschiedene Personen und Handlungsstränge wählen. Im Gegensatz zur auktorialen Perspektive darfst Du hierbei jedoch nicht wild hin und her springen. Wichtig ist deshalb, dass Du bei jedem Wechsel in den Kopf einer anderen Figur einen Doppelabsatz machst oder ein neues Kapitel beginnt.

Beispiel:

Anna saß neben Ben auf der Bank. Sie nahm seine Gegenwart überdeutlich wahr. In dem goldenen Sommerlicht dieses Abendsschien die ganze Welt verzaubert zu sein. Das Licht leuchtete auf den blonden Haaren ihres Hinterkopfs. Alles schien darauf zu warten, dass Ben sie endlich küsste. Warum tat er es nicht? Hatte sie seine Signale missverstanden und er empfand doch nichts für sie? Wenn er nicht endlich in die Puschen kam und den Arm um sie legte, würde sie es tun. Dieser Kuss war wichtig.

Sonderform: Kamera-Perspektive

Die Kameraform ist eine Sonderform der personalen oder auktorialen Erzählperspektive. Du entscheidest Dich bewusst, nicht ins Innere Deiner Figuren zu schauen und ausschließlich das darzustellen, was von außen erkennbar ist. Wenn Du diese Erzählform für einen ganzen Roman wählst, riskierst Du, dass die Figuren Deinen Lesern fremd bleiben. Das Innenleben ist schließlich ein wichtiger Teil von dem, was die Figuren interessant macht. Wenn Du die Kameraperspektive stattdessen für eine kurze Passage nutzt, kannst Du einen Moment damit sehr dicht und intensiv werden lassen.

Beispiel:

Rund um die Bank breitet sich das gepflegte Grün des Parks aus. Anna und Ben sitzen nebeneinander, ohne sich berühren. Das goldene Abendlicht glänzt auf Annas Hinterkopf. Sie rutscht ein kleines Stück in Bens Richtung. Der Abstand zwischen ihnen verringert sich dadurch auf zwei Handbreit. Bens Adamsapfel bewegt sich auf und ab. Er schaut kurz zu Anna und dann wieder weg. Anna fährt sich mit der Zunge über die Lippe und ballt die Faust.

Die Wahl der richtigen Erzählperspektive

Welche Erzählperspektive Du für Deinen Roman wählst, ist in erster Linie eine künstlerische Entscheidung. Du wählst die Perspektive, die am besten zu Deinem Stil und der Geschichte passt, die Du erzählen willst. Ein klares Richtig oder Falsch gibt es nicht.

Trotzdem gibt es einige Überlegungen, falls Du das Ziel verfolgst, mit Deinem Buch auf dem Markt erfolgt zu haben. Zurzeit ist die personale Perspektive am beliebtesten und erhöht Deine Chancen, einen Buchvertrag zu bekommen. In einzelnen Genres (z. B. Liebesroman für junge Leser:innen) ändert sich das gerade etwas, die Faustregel gilt jedoch noch immer.

Außerdem wichtig: Wenn Du in der personalen Perspektive den Deep Point of View sauber einhältst, wirkt Dein Stil professioneller und eleganter.

Am Ende gibt es jedoch nicht die eine Erzählperspektive, die aus einer langweiligen Story mit faden Hauptfiguren macht. Entscheide Dich für das, was Dir für Deine Story am elegantesten erscheint. Es gibt zu jeder Perspektivform Bücher, aus denen große Erfolge wurden.

Praxistipp: Komme direkt in die Umsetzung

Dein Vorteil bei diesem Workbook ist, dass ich Dir als professionelle Autorin gleich aus zwei Gründen wertvollen Input für Deinen künstlerischen Weg mitgebe. Als Schriftstellerin und gleichzeitig Lehrerin besitze ich das notwendige Wissen und weiß, wie man es vermittelt.

Learning by Doing:

Mit diesem Workbook erhältst Du auf hundert Seiten eine spielerisch und leicht anmutende Einführung in das Schreibhandwerk. In diesem Workbook gibt es nahezu keine Theorietexte oder Beispiele von anderen. Dafür gibt es genug andere Schreibratgeber, deren Verfasser:innen oft genug voneinander abschreiben und sich gegenseitig zitieren.

In diesem Arbeitsbuch findest Du stattdessen 100 Seiten, die Dich direkt in die Praxis bringen. Du erhältst das komprimierte Resultat von über 20 Jahren Erfahrung als Schriftstellerin und Lehrerin auf eine Weise, die Dich zum Schreiben animiert und die Theorie vergessen lässt. Während des Arbeitens begreifst Du bei jedem einzelnen Aspekt des Handwerks:

Natürlich, so funktioniert es. Ich habe es getan und währenddessen die Methode verstanden. Jetzt kann ich sie auch für künftige Bücher nutzen.

Noch bearbeiten: Block zur Kurseinladung

Die Verfasserin:

Hanna Aden (*1983) ist Schriftstellerin und examinierte Lehrerin. Seit 2015 unterstützt sie als Seminarleiterin und Coach angehende und professionelle Autor:innen auf ihrem Weg.

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Danke, dass Du meinen Text gelesen hast! Ich mag neugierige und wissbegierige Menschen. Besonders, wenn sie sich für das Erzählen von Geschichten interessieren.

In meinem Newsletter verschicke ich (halbwegs) regelmäßig Tipps über das Schreiben, Inspirationals und informiere Dich über neue Blogbeiträge und Videos. Außerdem schenke ich Dir als Dankeschön für Dein Interesse das E-Book “Romane schreiben für Anfänger:innen” im PDF-Format. Dort erhältst Du 18 praktische und direkt umsetzbare Lektionen, die Dir die Basics des Schreibhandwerks informativ und fesselnd vermitteln.

Mein Best Buddy würde sagen: Gönn Dir!

Ich freue mich darauf, Dich vielleicht schon bald in einem meiner Kurse kennenzulernen.

Liebe Grüße
Hanna

Bildbearbeitung: Diana Aslan. Alle Fotogrundlagen als Lizenz bei Shutterstock erworben.


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