In den vorigen Tutorials im Basiskurs Romane Schreiben hast Du Methoden kennengelernt, mit denen Du Deine Figuren einzigartig werden lässt. Die Herangehensweise war dabei in erster Linie analytisch und zielte darauf ab, Dir Wissen und Struktur über die Hintergründe zu vermitteln.

In diesem Beitrag verrate ich Dir handlungsorientierte Methoden, mit denen Du Deine Figuren praxisnah erforschen kannst. Manche dieser Techniken sprechen eher die intuitiven Schreibtypen an. Andere helfen dabei, die Vielfalt an Ideen zu strukturieren und in eine Form zu bringen, die Dich bei der Weiterarbeit unterstützt. Wähle die Methoden, die am besten zu Deinem Arbeitstyp passen.

Wann immer Du das Gefühl hast, dass Du eine Methode variieren und an deinen persönlichen Stil anpassen willst, tue es. Der Erfolg gibt Dir recht.

1. Tabelle zur Figurentwicklung

(Analytische Methode)

Tabellen helfen dabei, die Vielfalt von Ideen in eine ordentliche Struktur zu geben. Du kannst für Deine Figurtabelle die Tipps für unvergessliche Romancharaktere wählen, aber auch eigene Kriterien entwickeln.

Eine weitere tabellarische Methode hierbei ist die chronologische Beschreibung des Lebens der Figur. Wenn Du Jahr für Jahr vorgehst, arbeitest Du vermutlich sehr lange. Es ist sinnvoller, hier mit Schlüsselereignissen zu arbeiten. Einschulung, Einschnitte im Leben (Umzug, Trennung von Eltern), Berufsentscheidungen, erste Partnerschaft etc.

Mit Tabellen kannst Du auch gut verschiedene Figuren miteinander vergleichen und darauf achten, dass sie sich angemessen voneinander unterscheiden. Es ist zum Beispiel spannend, wenn Protagonist:in und Antagonist:in sich in manchen Punkten sehr ähnlich sind und an anderen grundverschieden voneinander.

2. Familienstammbaum

(Analytische Methode)

Vielleicht hast Du schon einmal etwas davon gehört, dass Familiensysteme etwas sind, was über mehrere Generationen prägen kann. Die Fluchterfahrungen von Großeltern könnenin einem vereinfachten Beispiel dazu führen, dass sie besonders viel Wert auf Sicherheit legen. Die Eltern fühlen sich davon eingesperrt, rebellieren und wollen umso freier leben … doch deren Kindern bringt das zu viel Unsicherheit und sie werden Buchhalter:innen.

Es gibt ein ganzes Buch-Genre, das davon lebt, dass solche Muster und darüber hinausgehende Geheimnisse aus der Vergangenheit aufgedeckt werden. Es nennt sich Familien-Geheimnis. Doch auch jenseits davon profitieren Geschichten davon, wenn die Kindheit der Held:innen nicht jedes Mal automatisch recht ähnlich zu deiner verlief. Aber wie entwickelt man solche Hintergründe?

Das Aufzeichnen des Familienstammbaums hilft dabei, Herkunfts-Konflikte zu entwickeln, die das Leben Deiner Figur geprägt haben können. Beispiele dafür können sein:

  • Wer ist aus dem Familiensystem verstoßen worden? Hat das die Kindheit der Figur beeinflusst?
  • Wo gab es Fehlgeburten, verbotene Homosexualität, schlimmere Geheimnisse?
  • Ist jemand ein älteres Geschwisterkind und übernimmt Verantwortung für Schwächere? Oder wie sieht die Geschwisterhierarchie sonst aus?
  • Wo gab es Affären, die geheim gehalten werden mussten, und/oder Kuckuckskinder?

3. Aufzeichnen des Firgurennnetzwerks

(Analytische Methode)

Liebe weckt, wer liebenswert ist. So oder so ähnlich lautet ein Aphorismus, den ich in meinen Schreibseminaren gern zitiere. Schreibanfänger entwickeln gern Einzelgänger:innen, die soziale Kontakte weder haben noch brauchen. Doch in der Realität sind Menschen immer in ein soziales Netz aus Kolleg:innen, Familie und Freundschaften eingebunden. Oft gibt es auch Menschen, die man weniger mag, manche davon verabscheut man aufgrund von früheren Vorfällen sogar regelrecht.

Wenn Du Deine Figuren entwickelst, erforsche bitte auch, ob und wie ihr soziales Netz sie bisher geformt hat. Wenn sie tatsächlich Einzelgänger:innen sind: Was hat sie dazu gemacht? Haben sie das Daniel-Boone-Syndrom und kommen einfach allein am besten klar, oder wurden sie zu oft von anderen Menschen enttäuscht?

Nimm ein großes Blatt, mindestens DIN A3. In die Mitte des Blattes zeichnest Du Deine Hauptfigur. Um sie herum kommen all die Menschen, die jetzt in ihrem Leben wichtig sind. Je näher sie sind, desto mehr Bedeutung besitzen sie. Durch die Art der Linien kannst Du Konflikte, Sympathien, finanzielle Interessen und Sexualität sichtbar machen.

Wenn Du noch nie auf diese Weise gearbeitet hast, wirst Du merken, wie sehr die Figur neben ihrer Herkunft auch durch die Menschen geformt wird, die sie auf ihrem bisherigen Weg begleitet haben.

Du wirst eine Menge über Deine Figur entdecken, was Du nie für möglich gehalten hast!

4. Bilder von Deinen Figuren zeichnen oder suchen

(Kombination aus analytischer und intuitiver Methode)

Sowohl in Autor:innen-Gruppen wie auch in Leser:innen-Diskussionen findet man ganz unterschiedliche Aussagen zum Aussehen der Figur. Manche mögen es, wenn es in allen Einzelheiten beschrieben wird, damit man sich ein Bild davon machen kann. Andere bevorzugen es, wenn das Aussehen nur angedeutet wird und Raum für die Fantasie bleibt.

Welche dieser Methoden Du bevorzugst, ist Teil Deiner künstlerischen Freiheit. Meiner Ansicht

Bilder sprechen zum Unterbewusstsein. Das gilt nicht nur, aber auch beim Aussehen der Figuren. Egal, ob Du Deine Figur zeichnest oder online nach Bildern ähnlich aussehender Personen suchst – Sie wird für Dich physisch Gestalt annehmen. Auf diese Weise wird sie realer und leichter zu schreiben. Suche im Gesicht der Menschen ruhig nach Fragen, die sie beschäftigen!

Solche Bilder kannst Du übrigens auch gut in Tabellen zur Figuranalyse einarbeiten, in die Mitte einer Mindmap kleben oder sie an anderen Stellen verwenden.

5. Mindmap

(Intuitive Methode)

Das Mindmap ist eine Technik zur Aktivierung von Kreativität, die in ganz unterschiedlichen Bereichen genutzt wird. Ziel ist, ein Thema nicht systematisch zu erforschen, sondern Ideen wie im Brainstorming chaotisch und unkoordiniert hervorsprudeln zu lassen. In einem begrenzten Zeitraum fokussierst Du Dich ausschließlich auf den Kern des Mindmaps und schreibst unreflektiert alle Assoziationen auf, die Dir in den Sinn kommen.

Wie gehst Du konkret vor?

Stelle einen Timer auf 10 oder 15 Minuten. Nehme ein Blatt, am besten mindestens DIN A3, und schreibe in die Mitte den Namen und das Alter Deiner Figur. Von hier aus entwickelst Du Ideen. Du kannst Dich dabei zu Anfang an den Details zur Figurentwicklung orientieren.

Finde heraus, in welche Richtung sich Deine Gedanken entwickeln, und lass es zu, ohne zu urteilen oder zu werten. Wenn Du vom Thema Freunde auf Sandkasten, zum Tiefseetauchen auf Bali und zur Asteroidenforschung im Weltraum kommst und dann Überlegungen zum Vakuum in Glühbirnen anstellst, hat es seine Richtigkeit damit. Lass diese chaotischen Fäden zu und finde heraus, welche Türen sich dadurch öffnen. Alles ist erlaubt!

6. Mystik/Tarotkarten

(Intuitive Methode)

In der Realität funktioniert Wahrsagen zum größten Teil über den sogenannten Barnum-Effekt und Menschenkenntnis. Bilder, die auf Pappe gedruckt wurden, haben für sich allein meiner Ansicht nach keinerlei Macht über das Schicksal, die Vergangenheit oder die Zukunft. Trotzdem gibt es viele Menschen, die sich gern die Karten legen lassen, sei es als Partyspaß oder aus Liebeskummer.

Der Grund dafür liegt darin, dass die Karten durch ihre Bilder direkt zum Unterbewusstsein sprechen. Sie erzählen eine Geschichte. Wenn Du irgendwann mal ein Set bekommen hast und es bei Dir herumliegt – warum nutzt Du es nicht, um Deinen Figuren ihr Schicksal zu prophezeien?

Dabei entstehen garantiert neue Ideen. Es ist natürlich keine echte Wahrsagerei, die meiner Ansicht nach jenseits das Barnum-Effektes ohnehin nicht funktioniert. Aber da Du als Autor:in das Schicksal der Figuren in den Händen hältst, kannst Du wahrwerden lassen, was Du in den Karten findest.

Oder Du lachst Dir diebisch ins Fäustchen , wenn es Dir gelingt, Deine Figuren auf Wege zu führen, auf denen sie ihrem Schicksal entkommen können …

7. Figurinterview

(Kombination aus analytischer und intuitiver Methode)

Diese Technik zielt darauf ab, sowohl das Innenleben und die Denkweise einer Figur kennenzulernen wie auch ihre Art zu sprechen.

Stell Dir für diese Technik vor, Du bist Journalist oder Therapeut. Deine Figur vertraut Dir und ist bereit, offen mit Dir zu sprechen. Ein paar Dinge weißt Du bereits, deswegen kannst Du konkrete Fragen stellen. Für diese Fragen kannst Du systematisch die Figurdetails oder die Personen aus dem sozialen Netz abfragen – aber Du kannst auch offene Fragen stellen und zulassen, dass sich das Gespräch in eine ganz andere Richtung entwickelt.

Beispiel:

„Du hast da eine hübsche Zimmerpflanze. Woher kommt die?“

„Das war ein Geschenk von meiner Ex, zur Feier für meinen bestandenen Motorradführerschein.“

Bis zu diesem Zeitpunkt wusstest Du vielleicht nicht mal, dass die Figur Pflanzen gut genug pflegt, dass sie nicht vertrocknen – oder dass sie einen Motorradführerschein hat.

Figurtagebuch

Kombination aus intuitiver und analytischer Methode

Viele Menschen schreiben Tagebuch, um sich über besondere Situationen klarzuwerden oder ihre Gedanken zu sortieren. Andere tun es, um ihren Schreibstil zu schulen. Vergangene Woche habe ich Dir den Schreibratgeber Weg des Künstlers” von Julia Cameron vorgestellt, der die Methode der Morgenseiten empfiehlt. Da schreibt man als kreativer Mensch jeden Morgen handschriftlich drei Seiten, in denen unreflektiert alle Gedanken und Impulse aus dem aktuellen Denken aufs Papier gebannt werden.

Ganz egal, ob Du selbst Tagebuch schreibst, irgendwann mal geschrieben hast oder überhaupt nicht der Typ dafür bist: Das Figurtagebuch ist unabhängig davon eine gute Methode, um Deine Romanfigur besser kennenzulernen. Wenn Du Dich in ihren Kopf hineindenkst und ihre Erlebnisse, Gedanken und diffusen Träumereien und Ängste mit ihren Worten niederschreibst, erfährst Du Dinge über sie, die auf direkteren und analytischeren Wegen oft verborgen bleiben.

Probiere es ruhig einmal aus!

Fazit

Zum Abschluss des Lehrgangs über Figurerschaffung deswegen heute die Frage: Was ist Deine liebste Herangehensweise, um Deine Figuren zu erforschen?

Ausblick:

Du verfügst jetzt über eine Vielzahl an Möglichkeiten, um Deine Romanfiguren genauer kennenzulernen. In den kommenden Tutorials vermittele ich Dir deswegen Methoden, um die Grundlagen Deines Plots zu erforschen.

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Die Verfasserin:

Hanna Aden (*1983) ist Schriftstellerin und examinierte Lehrerin. Seit 2015 unterstützt sie als Seminarleiterin und Coach angehende und professionelle Autor:innen auf ihrem Weg.

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Danke, dass Du meinen Text gelesen hast! Ich mag neugierige und wissbegierige Menschen. Besonders, wenn sie sich für das Erzählen von Geschichten interessieren.

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Mein Best Buddy würde sagen: Gönn Dir!

Ich freue mich darauf, Dich vielleicht schon bald in einem meiner Kurse kennenzulernen.

Liebe Grüße
Hanna


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