Ist ein Schreibtreff so etwas wie eine Schreibwerkstatt?

Eine Frau schreibt auf die erste Seite eines Buches. Sie sitzt an einem abgenutzten Holztisch an einem See. Neben ihr steht eine Tasse Kaffee.

Irgendwie ja, irgendwie nein. Schreibwerkstätten sind meist Orte, die von einer bestimmten Person organisiert werden, die das in vielen Fällen auch (semi-)beruflich tut. Schreibtreffs sind Orte, an denen alle Menschen gleichberechtigt sind und jeder schreibt und sich für das Schreiben der anderen interessiert.

Beides sind wichtige Möglichkeiten, mit anderen Schreibenden in Kontakt zu kommen, genau wie Autor:innenverbände, Barcamps und viele weitere.

Heute möchte ich ein Loblied auf die Schreibtreffs singen, die von niemandem offiziell organisiert werden. Die, auf denen das Geld ausschließlich in Richtung der Menschen fließt, die die Schreibenden mit Getränken versorgen und auf denen gelacht wird und man von Liebeskummer, neuen Schuhen und Frisurproblemen erzählen kann.

Als Anfängerin war ich erst Mitglied in einer konstruktiv arbeitenden Schreibwerkstatt und besuchte später Kurse bei der talentierten und für mich unglaublich wertvollen Gyde Callesen. Bei ihr verstand ich die Theorie, die in den Büchern so banal daherkam, und setzte sie für meine Texte um. Wenn mir heute jemand sagt, ich solle einen Dialog schreiben, eine Beschreibung, Gedankenstrom, einen glaubhafteren Konflikt entwerfen … dann rattert in meinem Kopf eine Maschine, die ich über Jahre des Trainings und Lernens bei meiner ersten richtigen Lehrerin für das Schreibhandwerk angeworfen habe.

Deswegen werde ich an dieser Stelle auf keinen Fall etwas gegen Schreibkurse sagen. Sie bringen wirklich etwas. Vertrauen in das eigene Handwerk, die Fähigkeit zu konstruktiver Selbstkritik, Kreativitätsaktivierung, Überwindung von Schreibblockaden …

Aber meinen ersten veröffentlichten Roman schrieb ich nicht in einem solchen Kurs. Ich schrieb ihn erst, nachdem ich sieben Jahre lang Kurse besucht und Kurzgeschichten veröffentlicht hatte. Handwerk zu lernen dauert seine Zeit.

Meinen ersten veröffentlichten Roman schrieb ich nicht für eine Lehrerin, sondern unter dem Einfluss von Cocktails und schlechter Gesellschaft. Und genau so sollte es sein. Ich brauche Leben und Leidenschaft für gute Geschichten.

Finde ich.

Sollte ein Schreibtreff sachlich und konstruktiv sein?

Es gibt im Internet gute Schreibgruppen, in denen sachlich und konstruktiv über Texte diskutiert wird. Der BvjA beispielsweise bietet bei Facebook und Discord eine moderierte Schreiblounge an, in der konsequent an eigenen Schreibprojekten gearbeitet wird und man sich gegenseitig konstruktiven Input gibt. In Schreibgruppen rund um den NaNoWriMo wird während dieses Ausnahmemonats ermutigt, inspiriert und angefeuert. Zahllose weitere Autor:innengruppen bieten Input und die Möglichkeit, zu Fragen mehr oder weniger konstruktive Social-Media-Antworten zu bekommen.

Es gibt außerdem zahllose Schreibkurse, online und nach Corona auch wieder mit Präsenzteilnahme. Auch hier finden sich normalerweise Kursleitungen, die ein Händchen dafür haben, die Teilnehmenden miteinander zu vernetzen und eine Arbeitsatmosphäre zu erschaffen, die beflügelt und inspiriert. Ich bin eine davon. Und als Kursleiterin bin ich absolut seriös, konstruktiv und auf Deinen Text konzentriert. Dann kannich sachlich sein, auch wenn ein wenig Leidenschaft und Brennen für brilliante Texte immer durchflimmert und ich es niemals fertigbrächte, einen nicht-guten Text als gut zu bezeichnen, nur weil jemand mich bezahlt. Ich verrate bloß, wo die Person suchen muss, um den Text zu verbessern.

Aber weißt Du was?

All diese Möglichkeiten eignen sich in erster Linie dazu, das Schreiben zu lernen. Oder durchzuhalten, wenn man schreibt. Das ist wichtig. Sogar sehr.

Man darf nur nicht den Fehler machen, zu glauben, dass diese Art sachlicher und fachbezogener Unterstützung alles ist, finde ich.

Deswegen erzähle ich Dir heute von meinem alten Schreibtreff. Er ist von einer Form, die auf dieser Welt viel zu selten entsteht, weil schreibende Menschen zu oft versuchen, zu beweisen, dass sie seriöse Schreibende sind, keine Hobbyschreiberlinge. Auf diese Weise entsteht vieles, aber keine wahre, tiefe, abgründige, verspielte und zutiefst liebevolle Kunst.

Schreibe meine Worte tief in Dein Herz und baue in Deinem Umfeld etwas Vergleichbares auf.

Mein alter Schreibtreff

Mein Seele-verzehrender-und-mit-Zuckerguss-aus-Feuer-verzierender Schreibtreff entstand ganz harmlos. Zwei junge Frauen entschieden nach dem NaNoWriMo-Projekt an ihrer Uni, sich auch weiterhin zum Schreiben zu treffen. Sie stellten fest, dass es in einer wirklich coolen Kneipe in der Innenstadt jeden Nachmittag Cocktails zum halben Preis gab.

Einer der Cocktails hieß Exotic Star. Er war gelb mit einem Hauch Apfelgrün, schmeckte süß-säuerlich-fruchtig und brannte beim Trinken auf diese seltsam befriedigende Weise, die den Magen wärmt. Man musste ihn langsam trinken, obwohl alles danach verlangte, ihn mit einer langen, genüsslichen Saugbewegung in sich hineinzuschlürfen. Wie sonst sollte man herausfinden, ob man das kondenswasserbeschlagene Glas wirklich mit einem Versuch leeren konnte und ob das zweite genauso gut schmeckte wie das erste?

Eine der beiden Frauen fragte mich, ob ich Lust hätte, mitzumachen. Da waren wir drei. Und bald kam eine vierte dazu. Und eine fünfte.

Wir schrieben tatsächlich. Niemand kann sagen, dass wir nicht geschrieben haben. Immer wieder breitete sich wohltuende Stille am Tisch aus. Immer mal wieder sprachen uns junge Männer an und fragten, was wir da eigentlich schweigenderweise taten. Aber zwischendurch erzählten von unseren Texten. Von unseren Selbstzweifeln, die uns vom Schreiben abhielten, von neuen Schuhen, Ärger auf der Arbeit und Geldnöten. Wir fluchten auf die seriöse Welt der Nicht-Künstler:innen, die nicht verstanden, dass unsere Arbeit viel wichtiger war als der Kontostand.

Wir sprachen über Duftseifen und zu kurze Röcke, und irgendwann stellte ich fest, dass ich mich für diese Tage hübscher machte als für alles andere in meinem Leben. Jeden Montag beendete ich meinen Unterricht an der Schule überpünktlich, hastete zur U-Bahn, wischte mir das konzentrierte Lehrerin-Lächeln aus dem Gesicht und wurde zu einer verspielten, verruchten Bohemienne, die mit Worten zauberte, spielte und voller Verbissenheit ihren ersten Roman konzipierte.

Dialoge erzeugen Leben und Dynamik – auch dann, wenn es welche mit lieben Schreibfreund:innen in einer Kneipe sind, während man den Text erst noch entwickelt …

Seriöse Schriftstellerin? Whatthefuck. Seriös war ich schon an so vielen anderen Stellen in meinem Leben … ich wollte Spaß haben, träumen, Welten erschaffen, die Tagebücher meiner Schreibfreundinnen lesen und über eine geniale Formulierung darin Tränen lachen oder weinen.

Mein Schreibtreff war der Ort, an dem ich mich nicht verstellen musste. Lachen, Plaudern, Ernst, Probleme, Inspiration, Ideen, Arbeit und Konzentration … hier war Platz für alles. So sehr Mensch wie dort war ich vielleicht niemals vorher oder nachher.

Und auch nicht so betrunken wie an manchen dieser Abende, auch wenn sie die Ausnahme blieben.

Wie ich durch meinen Schreibtreff den Beamtenstatus verlor

Diese Zwischenüberschrift ist Clickbait, ich räume es sofort ein. Ich habe das Beamtenverhältnis auf Probe (als Lehrerin für Sonderschullehramt) in allen Ehren freiwillig verlassen. Auch an den Schreibtreff-Tagen hatte ich meinen Unterricht bis zur letzten Minute durchgeführt und war nie betrunken zum Dienst erschienen.

Trotzdem wäre ich ohne diesen Ort semibetrunkener Diskussionen über das Wesen von Kunst und die Möglichkeit, durch und durch Mensch zu sein, heute vielleicht noch im Schuldienst. Der Grund lag darin, dass die anderen mich im Lauf der Jahre kennengelernt hatten. Sie sahen, wie sehr meine Augen leuchteten, wenn ich vom Schreiben sprach und von meiner Liebe für Geschichten im Wachstum. Und wie sehr ich mich jedes Mal zusammenkauerte, wenn ich von der stupiden Regelmäßigkeit des Alltags als seriöse Lehrerin für Mathe und Rechtschreibung erzählte.

Meine Ladys dort waren die einzigen, die es verstanden. Sie schrieben Geschichten, und sie kannten mich, denn bei ihnen präsentierte ich nie eine höfliche und angemessene Fassade. Sie sahen in meinen Augen, welcher Weg der richtige für mich war, egal wie verrückt er von außen erschien. Und zum Abschied vor meinem Verlagspraktikum auf Zypern schenkten sie mir die 50 Tipps für gutes Schreiben von Roy Peter Clark.

Plädoyer für Schreibtreffs jenseits von Sachlichkeit und Vernunft

Ich glaube, das ein guter Schreibtreff viel mehr ist als ein Ort, um gemeinsam konzentriert auf einen Laptop oder eine Korrekturfahne zu starren. Er ist ein Ort, an dem man Künstler:in sein darf und von all dem erzählt, was dazu gehört. Unkorrekt, sexy und manchmal vielleicht sogar alkoholisiert. Geschichten handeln vom Menschsein. Sie sollten an Orten entstehen, an denen man Mensch ist, dafür geliebt wird und sich nicht aufs Funktionieren konzentriert.

Liebe lesenden Menschen, wenn ihr einen eigenen Schreibtreff habt: Lasst nicht zu, dass er von der Stimme der Vernunft und Sachlichkeit zerstört wird. Arbeiten und über konstruktive sachliche Fragen könnt ihr an fast jedem Ort der Welt. Was man wirklich braucht, ist eine Heimat für die Seele, an der man Cocktails trinkt (gerne auch ohne Alkohol), zu laut lachen darf und von Liebeskummer und Kindheitsprügeleien erzählt.

Wenn Du keinen hast, bau einen auf. Vertrau darauf, dass es schön ist, ein künstlerischer Mensch zu sein, und dass andere Menschen ebenfalls danach suchen. Heiße sie willkommen. Sei nicht zu seriös und vernünftig und missbrauche eine solche Seelenoase für Weiterbildung und Dinge, die in Schreibkurse gehören. Seriosität und Vernunft gibt es an jeder zweiten Straßenecke im Dutzend billiger.

Aber einen Ort, an dem man sich betrinken kann und frei, liebevoll und emotional davon erzählt, was einem beim Schreiben antreibt … den gibt es nur sehr selten. Such solche Orte. Finde sie und bewache ihren Zauber.

Brenne für das, was Du schreibst.

Die Verfasserin:

Hanna Aden (*1983) ist Schriftstellerin und examinierte Lehrerin. Seit 2015 unterstützt sie als Seminarleiterin und Coach angehende und professionelle Autor:innen auf ihrem Weg.

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Danke, dass Du meinen Text gelesen hast! Ich mag neugierige und wissbegierige Menschen. Besonders, wenn sie sich für das Erzählen von Geschichten interessieren.

In meinem Newsletter verschicke ich (halbwegs) regelmäßig Tipps über das Schreiben, Inspirationals und informiere Dich über neue Blogbeiträge und Videos. Außerdem schenke ich Dir als Dankeschön für Dein Interesse das E-Book “Romane schreiben für Anfänger:innen” im PDF-Format. Dort erhältst Du 18 praktische und direkt umsetzbare Lektionen, die Dir die Basics des Schreibhandwerks informativ und fesselnd vermitteln.

Mein Best Buddy würde sagen: Gönn Dir!

Ich freue mich darauf, Dich vielleicht schon bald in einem meiner Kurse kennenzulernen.

Liebe Grüße
Hanna


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