Romancharaktere erschaffen – Das soziale Netz

Es ist wichtig, dass Deine Romanfigur kein einsamer Held ohne persönliche Bindungen ist. Deine Figur soll zu einem der besten Freunde oder Freundinnen Deiner Leser werden. Also hat er oder sie vermutlich auch eigene Freunde – und andere Menschen, die ihm oder ihr wichtig sind.

In diesem Artikel zeige ich Dir wertvolle Tricks aus der Schreibwerkstatt, mit denen Du das soziale Netz Deiner Figur und die Welt entwickelst, in der sie sich bewegt.

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Menschen werden durch Menschen geformt

Wir definieren uns als Menschen, indem wir uns mit anderen Menschen vergleichen. Frauen kennen bestimmt das Gefühl: „Bin ich dicker oder dünner als diese Frau da drüben?“ Männer denken stattdessen: „Verdiene ich mehr oder weniger als mein Kollege?“

Und Du denkst beim Lesen dieser Zeilen hoffentlich: „Benutzt Hanna wirklich so sexistische und altmodische Bilder, um zu verdeutlichen, dass Menschen sich miteinander vergleichen? Das kann ich aber besser!“

Diese Form gegenseitiger Vergleiche beginnt schon früh in der Kindheit. Wir orientieren uns an unseren Eltern. Das, was sie uns vorleben, erscheint uns normal. Der Unterschied zwischen ihnen und uns scheint nur darin zu liegen, dass sie viele Dinge schon besser können. Früher oder später lernen wir dann andere Menschen kennen. Auf einmal sehen wir: Wow, die sind ja ganz anders! Und das ist auch okay.

Manches von dem, was wir an anderen sehen, gefällt uns. Anderes nicht. Daraus formen wir unseren ganz eigenen Blick auf die Welt. Dieser Blick wurde durch unsere Eltern und Kindheitsfreunde geformt. Später beeinflussen ihn die Kollegen in der Ausbildung und der Partner, mit dem wir Zeit verbringen oder zusammenleben. Menschen, die Kinder haben, erleben oft, dass deren Blick auf die Welt die eigene Sichtweise erneut verändert.

Menschen werden durch Milieus geformt

Kinder und Jugendliche, aber vor allem Erwachsene, bewegen sich normalerweise innerhalb eines sozialen Milieus. Wenn dieses Milieu nicht reflektiert wird, neigt man dazu, es für das Zentrum der Welt zu halten. Die eigene Sichtweise passt sich an die Menschen an, denen wir regelmäßig begegnen – entweder, weil uns diese Sichtweise gefällt, oder weil es zu anstrengend ist, ständig zu widersprechen.

Deinen Romanfiguren geht es ganz ähnlich. Wenn Du nicht bewusst über das Milieu nachdenkst, in dem sie sich bewegt, wird sie sich höchstwahrscheinlich in einer ganz ähnlichen Welt bewegen wie Du selbst.

Mögliche Milieus:

  • Hausfrau und Mutter in einer Siedlung mit Einfamilienhäusern. Primärer Kontakt zu Kindern und anderen Müttern.
  • Gebildete Karrieremenschen mit hohem Umweltbewusstsein.
  • Handwerker- und Arbeitermilieu
  • Aussteiger*innen und Künstler*innen
  • Rechtskonservatives Milieu

Findest Du Dich oder Deine Romanfiguren spontan darin wieder?

Natürlich kann es auch noch ganz andere Milieus geben. Ich selbst rede mir gern ein, dass ich zu den Künstler*innen gehöre und damit zu den Menschen, die die Welt bunter und interessanter machen. Mit meinem Umweltbewusstsein ist es jedenfalls nicht allzu gut bestimmt, auch wenn ich mangels Auto viel mit S-Bahn und Zug fahre. Jedes Mal, wenn ich eine gebildete und ehrgeizige Freundin besuche, bin ich wieder erstaunt, wie viel cooles Zeug man heutzutage zur Plastikvermeidung tun kann …

Und ja, ich würde auch Haarseife benutzen, ganz ehrlich und wirklich, wenn meine langen Angebersträhnen dadurch nicht so unglaublich schwer zu kämmen wären – und ich sie bei einem Anbieter bestellen müsste, der sie dann extra aus England bis vor meine Haustür liefert, wo ich dann Unmengen an Versandverpackung in die verschiedenen Mülltonnen unserer Hausgemeinschaft sortieren müsste …

Vielleicht verwandele ich mich doch eines Tages von einer Künstlerin in eine Aussteigerin, die wie meine Freundin Jennifer Laurette per Anhalter und Couchsurfing durch Europa reist.

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Das soziale Netz Deiner Figur

All diese Einflüsse aus der Vergangenheit und Gegenwart formen die Art, wie Deine Figur die Welt sieht. Gleichzeitig ist sie ein Individuum und unterscheidet sich von den Menschen um sie herum.

Erforsche das Familiensystem, die soziale Prägung und das Milieu Deiner Figur bewusst! Auf diese Weise entwickelst Du eine glaubhafte Figur mit Tiefgang. Sie entwickelt eine eigene, einzigartige Persönlichkeit, die sich von Deiner unterscheidet.

Folgende sieben Fragen helfen Dir dabei, das soziale Netz Deiner Figur zu entwickeln:

  1. Welches Ideal war in der Kindheitsfamilie Deiner Figur am wichtigsten? (Bsp.: Liebe, Ordnung, Erfolg, Freundlichkeit, körperliche Fitness …)
  2. Welches der Geschwisterkinder war Mamas Liebling, und wer war der Liebling von Papa?
  3. Ist Deine Figur eher ein Anführertyp, eher ein Mitläufer oder eher jemand, der sich aus Gruppen so weit wie möglich heraushält?
  4. Welche Menschen im Leben der Figur sind ihr wirklich wichtig? (Bsp.: Freund oder Freundin, Partner, Familie, Kinder, Kollegen, Hobbyfreunde, …)
  5. Welchen Menschen begegnet die Figur jeden Tag in der Schule oder auf der Arbeit – und was ist im Leben von diesen Menschen wichtig?
  6. Wenn andere Romanfiguren auf Deine Figur blicken – was sehen Sie dann? (Bsp.: Jemand, den sie beschützen, verachten, bewundern … Jemand, auf den sie sich blind verlassen … )
  7. Mit wem gerät die Figur immer wieder aneinander?

Meine Challenge für Dich

Beantworte die sieben Fragen für Deine Figur. Ich bin neugierig, was Du erzählen kannst!

Außerdem lassen sich andere Storytellers immer gern davon inspirieren, wie Du eine Aufgabe löst.

Natürlich gibt es noch viel mehr Methoden, um Deine Figuren kennenzulernen. Dieser Artikel soll Dir lediglich ein paar Anregungen für die kreative Weiterarbeit geben. Falls Du mehr darüber lernen möchtest, empfehle ich Dir meine Masterclass zur Figurentwicklung, bei der ich Dich intensiv auf dem Weg zu Deiner Romanfigur begleite, die sich für immer in die Herzen Deiner Leser*innen brennt.

Bleib dran, damit auch Du eines Tages selbstbewusst nicken kannst, wenn es heißt: “Romane schreiben wie die Profis”.

Liebe Grüße
Hanna

Ich wünsche Dir Inspiration und viel Energie fürs Schreiben. Möge die Muse auch in dieser Woche mit Dir sein!

Bildnachweis: www.shutterstock.com

Grafik und Corporate Design: Diana Aslan

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