Romancharaktere erschaffen – Aktives Handeln

Ein gelungener Romancharakter besitzt so viel Leben, dass er die Handlung allein durch seine Persönlichkeit voranbringt. Er träumt und wartet nicht, sondern tut. Dadurch verändert er die Welt und bringt seine Ziele voran.

Einen solchen Charakter zu erschaffen ist für Bücherfans wie Dich und mich wahrscheinlich schwieriger als für andere. Wir lieben Bücher. Das heißt, dass wir es lieben, mit unserem Geist in fremde Welten einzutauchen. Neben diesen Welten verblasst unser Alltag. Unser Körper liegt behaglich auf dem Sofa, während unsere Fantasie Lisbeth Salander auf ihrem Feldzug für die Gerechtigkeit begleitet.

Was wäre, wenn …?

Diese Frage ist für uns wichtig. Deswegen schreiben wir Geschichten darüber.

Wenn wir Romancharaktere wären, müssten wir die Antwort auf unsere Frage herausfinden, indem wir aktiv werden und Dinge tun. Sonst gäbe es keine Handlung.

Höchstwahrscheinlich ist das der wichtigste Punkt, an dem sich Romanfiguren von ihren Schöpfern unterscheiden. Wir träumen und denken uns Welten aus. Unsere Helden dagegen tun. Wenn sie damit aufs Maul fliegen, stehen sie auf und machen weiter.

Meine Lieblingsheldin “Rachel Morgan”

Okay, Rachel Morgan ist nicht die einzige Romanheldin, mit der ich heftig mitgefiebert habe. “Angélique” von Anne Golon war ebenfalls eine mit allen Wassern gewaschene Abenteurerin, der es gelungen ist, mich über dreizehn Bände hinweg in fremde Welten zu entführen. Trotzdem ist Rachel Morgen für mich etwas Besonderes, und das nicht nur, weil Kim Harrison durch sie zu einer der Schöpferinnen des inzwischen überall bekannten Genres “Urban Fantasy” geworden ist.

Rachel Morgan ist für mich das Paradebeispiel einer Heldin, die durch ihr aktives Handeln die Story vorantreibt und auf diese Weise eine unglaubliche Sogwirkung entwickelt. Bei ihr handelt es sich um eine rothaarige Hexe mit einer Vorliebe für Lederkleidung, die sich durch ihre große Klappe immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Aber sie kämpft für das, woran sie glaubt. Mit ihrer Leidenschaft fasziniert sie die Menschen (und Vampire und Pixies und Werwölfe …) um sie herum.

Falls Du Dich noch an den Beitrag der vergangenen Woche erinnerst: Auch Rachels Wohnort ist außergewöhnlich. Nachdem sie im ersten Band auf der Flucht vor Kopfgeldjägern und Attentätern untertauchen muss, zieht sie in eine leerstehende Kirche, deren frühere Gemeinde mangels gesetzlich verpflichtender Kirchensteuer dringend Geld benötigt. Im Garten stehen Grabsteine, was gewöhnlichen Sterblichen morbide erscheinen würde, aber andererseits wird es dadurch deutlich leichter, die Utensilien für die von Rachel zur Rettung ihres Lebens dringend benötigten Zaubertränke herzustellen.

Wie viel origineller ist ein solcher Wohnort im Vergleich zu der Ein- oder Zweizimmerwohnung, in der viel zu viele Romanfiguren unterkommen müssen!

Rachels Partnerin ist die Vampirin Ivy, deren Nachname so lang ist, dass kein Mensch sich ihn merken kann. Ivy ist eine Denkerin und Planerin und geht Situationen vorsichtig und analytisch an. Wenn Rachel häufiger auf Ivy hören würde, würde sie sehr viel Ärger vermeiden – aber auch eine ganze Reihe von wirklich coolen Abenteuern nicht erleben. Stattdessen vertraut Rachel auf ihre Fähigkeiten als Hexe und Nahkämpferin und zieht los, sobald sie eine erste Idee hat.

Rachel und Ivy sind ein tolles Team. Sie ergänzen sich und haben durch die Spannungen zwischen einander eine Reihe fesselnder Dialoge und Chancen, um sich weiterzuentwickeln. Die Autorin hat beide Charaktere sehr gelungen ausgearbeitet.

Trotzdem würde die Reihe mit Ivy als Hauptfigur nicht funktionieren. Rachel ist die treibende Kraft, die tut und voranstürmt. Sie will Dinge ändern, die sie stören, und legt sich mit Menschen (und Dämonen) an, die sie herausfordern. Ivy dagegen geht Kompromisse ein, denkt nach, schmiedet Pläne und prüft alle nur möglichen Eventualitäten für eine Situation.

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Vorsicht zeigen oder mitten rein – was ist für eine Romanfigur der bessere Weg?

Ein Roman über Ivy wäre ein Roman, in dem eine faszinierende Frau viel Zeit damit verbringt, über einen anderen Menschen und komplizierte Situationen nachzudenken. Sie würde Pläne schmieden. Wenn das passiert, mach ich als Nächstes das … und dann das … Und dann müsste sich Ivy wieder und wieder mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die Realität ganz anders verläuft als ihre Pläne. Das kann ein spannendes Thema für einen Nischenroman sein, aber eine große Menge an Lesern fesselt man damit selten.

Stattdessen hat sich Kim Harrison entschieden, die Reihe rund um Rachel Morgan zu konzipieren. Durch Rachels impulsive Art, aber auch ihre Charaktertiefe, entwickelt sich die Story mitunter ganz von allein. Sie redet, bevor sie denkt, und schlägt zu, bevor sie über eine Lösung nachdenkt. Manchmal will man sie beim Lesen dafür schütteln, aber sie bleibt sympathisch.

Rachel handelt, bevor sie denkt. Vor allem handelt sie, anstatt zu zögern, zu träumen oder abzuwarten. Auf diese Weise treibt sie die Handlung des Romans voran und wächst gleichzeitig dem Leser ans Herz.

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Aktives Handeln ist der Schlüssel zum Erfolg

Deine Romanfigur sollte mehr sein als ein Opfer der Umstände. Erschaffe mit ihr jemanden, der oder die aktiv Einfluss auf die Welt nimmt, in der er/sie lebt. Auf diese Weise erschaffst Du Figuren mit innewohnendem Drive, die für Deine Story eine unglaubliche Dynamik erzeugen können.

Bitte beantworte folgende Fragen für Dich (zumindest im Kopf):

  • Was tut Deine Figur, um ihre Welt zu formen? (Bsp.: Farbe der Blumen auf dem Wohnzimmertisch, in einer Schlägerei dazwischengehen, …)
  • Was für ein Ziel hat die Figur, für das sie kämpft?
  • Was für Fehler macht Deine Figur, aus denen Ärger erwächst?
  • Wie reagiert die Figur, wenn Dinge schiefgehen? (Bsp: Kopf einziehen, aggressiv werden, Hilfe holen, sich herausreden, Verantwortung übernehmen, …)
  • Welche Fähigkeiten helfen Deiner Figur auf ihrem Weg?

Gib Deinen Held*innen die Kraft mit, in ihrer Welt etwas zu verändern. Erlaube ihnen, Fehler zu machen und daran zu wachsen. Genau wie wir kommen sie nicht vollkommen auf die Welt und müssen es auch gar nicht sein.

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Meine Challenge für Dich:

Was ist das Ziel, das Dein*e Held*in erreichen will – und welche Fehler passieren auf dem Weg dahin?

Schreibe es in die Kommentare und inspiriere die anderen Storytellers damit! Ich bin gespannt auf Deine Ideen.

Liebe Grüße
Hanna

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